Unter den Kurschwertern ;
Altes und neues Meißner Porzellan.
Ein Artikel von Hans von Zobeltitz aus dem Jahre 1897.
Mit Xylographien nach Zeichnungen von Karl Leonhard Becker
Eine jener großen zopfigen Servanten , die - ein halbes Menschenalter mißachtet - neuerdings wieder von der Gunst der ewig wechselnden Mode begünstigt werden, prangte im Wohnzimmer meiner Großmutter. Ein großer steifliniger Mahagonischrank auf drei Seiten verglast , mit ganz dünnen Säulchen , am oberen Simms mit einer ebenso dünnen Bronzeguirlande geschmückt.
Waren wir Einzelkinder einmal besonders artig und Großmutter besonders gnädig , dann öffnete Sie den Wunderschrank und ließ uns seine Schätze aus größerer Nähe , aber selbstverständlich mit der gebührenden Vorsicht - " Finger weg ! " - betrachten.
Da gab es kunstvoll geschliffene Kristallbecher , die Sie von Ihren Reisen nach den böhmischen Bädern mitgebracht hatte , Badereisen , die Sie nie anders als mit eigenem Gespann unternahm ; da waren silberne Löffel mit kunstvoll gedrehten Stielen , einige vergoldete Patenbecher , eine Dose , aus der , einer unverbürgten Überlieferung nach , Friedrich der Große " beinahe " geschnupft hatte ; da gab es endlich die reizendsten Nippes aus Meißner Porzellan und kostbar bemalte Mundtassen , wie jene Zeit sie liebte , die noch nicht zwei Dutzend Tassen in uniformer Gebrauchsware auf einmal kaufte.
All jene Kuriositäten und Raritäten sind heute leider , leider in alle Winde verweht - verschenkt , verkauft , vererbt ; nur ein einziges kleines Rokokofigürchen ist noch in meinem Besitz und mahnt mich jedesmal , wenn mein Auge auf ihm ruht , an Großmutters Servante. Ich aber habe diesem alten Schrank ein dankbares Andenken bewahrt. Verdanke ich ihm doch eine Neigung , die , mit den Jahren immer lebhafter geworden , für mich zu einer Quelle zahlreicher Freuden , freilich auch so maches Leids der Entsagung : die Liebhaberei für Porzellane.
Von allen Porzellanen ist mir das Meißner aber stets das liebste geblieben. Ich verkenne nicht die tadellose Vollkommenheit mancher Erzeugnisse der Königlichen Berliner Manufaktur , , nicht die korrekte Schönheit der mit dem Reichsschilde gezeichneten Stücke der leider eingegangenen Wiener Fabrik , nicht die herrlichen Farben , in denen Sèvres excelliert ; ich kann mich ebenso herzlich freuen über eine alte originelle Tasse aus Höchst oder Frankenthal , wie über ein schönes Erzeugnis der modernsten Privatindustrie. Aber schließlich kehrt meine Leidenschaft doch immer wieder zu den Kurschwertern , der Marke der Meißner Manufaktur , zurück.
Es ist wohl möglich , dass dabei das historische Interesse eine Rolle spielt. Stand in Meißen , in den wunderbaren , jetzt in der alten Pracht neu erstandenen Räumen der ehrwürdigen Albrechtsburg doch die Wiege der gesamten europäischen Porzellanindustrie ; dort war es ja , wo auf Befehl Augusts des Starken die erste europäische Porzellanfabrik eingerichtet wurde , nachdem der Apothekerlehrling und 
<< Adept Johann Friedrich Böttger in seiner engen Haft auf der Dresdener Jungfernbastei zwar nicht das gesuchte Goldelexir , aber 1704 ein gröberes , steingutähnliches rotes und 1709 das echte weiße Porzellan erfunden hatte.
Aber das historische Interesse ist es doch nicht in erster Linie , das mich und viele andere Porzellanliebhaber das Meißner Porzellan so ganz besonders hochschätzen lässt. Der Hauptgrund dürfte vielmehr darin liegen , dass selbst eine klein , aber richtig gewählte Sammlung Meißner Porzellane einen Überblick über fast alle die Vorzüge gestattet , welche die übrigen großen klassischen Manufakturen doch nur noch einzelnen Richtungen hin entfaltet haben.
Gewiss hat auch Meißen seine Zeiten des Niederganges , des sinkenden künstlerischen Geschmacks gehabt , es ist nicht jedes Stück , das mit den stolzen gekreuzten Kurschwertern gezeichnet ist , mustergültig. Diese trüben Perioden gingen jedoch verhältnismäßig schnell vorüber. , die innere Lebenskraft der Anstalt , immer aufs neue geweckt und gestützt durch die Fürsorge und die künstlerischen Neigungen des sächsischen Königshauses , bewährte sich stets wieder. Mehreremal stand die Manufaktur vor dem gänzlichen Ruin ; einmal im siebenjährigen Kriege , als ihre sämtlichen Vorräte von den preußischen Truppen beschlagnahmt wurden und Friedrich der Große (Grafik) viele Arbeiter nach der 1751 in Berlin gegründeten Porzellanfabrik verpflanzte , dann kurz vor den Befreiungskriegen und während desselben ; damals stockte der Absatz so vollkommen , daß einmal sogar ein zweimonatlicher völliger Stillstand in der Fabrikation eintrat.
Gerade nach diesen bösen Tagen aber folgte jedesmal ein neuer Aufschwung nicht nur in materieller , sondern auch in künstlerischer Hinsicht. Unmittelbar blieb der Manufaktur dabei die Gunst des kaufenden Publikums treu. Nicht nur jener Kreise , die ihre Freude an kostbaren Stücken , an zierlichen Nippes oder prunkvollen Vasen haben , sondern auch jener , die sich mit schöner , tadelloser Gebrauchsware begnügen müssen. Der beste Beweis hierfür ist das so genannte Zwiebelmuster , das nun seit länger als anderthalb Jahrhunderten für Meißen geradezu typisch ist ; auch wer sonst nichts von der Königlich sächsischen Porzellanmanufaktur weiß , kennt das Zwiebelmuster. Mir ist kein zweiter Fall bekannt , dass das Muster einer Gebrauchsware - nicht allein auf dem Gebiet des Porzellans - sich durch allen Wechsel der Mode so beliebt erhielt , wie das Service mit den , chinesischen Motiven entlehnten , einfachen blauen Zeichnungen.
Im fürstlichen Palais und in schlichten bürgerlichen Haushaltungen ist es daheim und an seinem Platze , und zahlreiche Fabriken des In - und Auslandes ahmen das Meißner Original nach , bisweilen sogar mit möglichst geringen Abweichungen dessen Fabrikzeichen , die Kurschwerter. Es wird übrigens vielleicht manchen der Leser interessieren , dass ein echter Zwiebelmusterteller sich von einer Nachahmung unterscheiden lässt , auch ohne dass man den Teller umwendet ; nur bei jenem ist das Fabrikzeichen auf der oberen Seite , und zwar im Stamm des Baumes auf dem Mittelfelde , wiederholt.
nächste Seite >>>
Ein Service von JS-Archiv Bremen - Kostenlos zur privaten Nutzung.
buttonpool - Startseite


